Fast 22.000 Unternehmen haben am DIHK-Fachkräftereport 2025/2026 teilgenommen. Das Ergebnis: 36 Prozent können offene Stellen zumindest teilweise nicht besetzen, im Mittelstand sind es sogar über 40 Prozent (DIHK, 2025).
Für wissensintensive B2B-Dienstleister wie Ingenieurbüros, Planungsbüros, IT-Dienstleister oder Sachverständige bedeutet das ein besonderes Risiko. Nicht nur die Position muss neu besetzt werden. Oft geht mit einer ausscheidenden Fachkraft auch Wissen verloren, das nirgends dokumentiert ist – Kundenspezifika, bewährte Abkürzungen im Projektablauf, informelle Absprachen.
Dieser Beitrag zeigt, warum dieses Risiko in kleinen Dienstleistungsunternehmen besonders hoch ist und wie sich Wissen unabhängig von einzelnen Personen sichern lässt.
Das Problem: Prozesswissen existiert nur in Köpfen
In kleinen und mittleren Dienstleistungsunternehmen läuft vieles über Erfahrung statt über dokumentierte Abläufe. Typische Beispiele:
- Ein Projektleiter kennt die besonderen Anforderungen eines langjährigen Kunden, ohne dass diese irgendwo schriftlich festgehalten sind.
- Eine Mitarbeiterin weiß, welche Abstimmungsschritte bei einem bestimmten Behördenverfahren wirklich notwendig sind – und welche sich in der Praxis erübrigt haben.
- Ein Kollege ist der einzige, der eine bestimmte Kalkulationslogik vollständig versteht.
Scheidet diese Person aus – durch Ruhestand, Kündigung oder längere Krankheit – steht das Wissen nicht mehr zur Verfügung. Es muss aufwendig rekonstruiert werden, häufig verbunden mit Rückfragen beim Kunden, Verzögerungen und Nacharbeit.
Ursachen: Warum Wissen in kleinen Dienstleistungsunternehmen selten dokumentiert wird
Tagesgeschäft hat Vorrang
Dokumentation kostet Zeit, die im laufenden Projektgeschäft meist an anderer Stelle fehlt. Ohne festen Prozess dafür bleibt sie liegen.
Wissen ist implizit, nicht explizit
Ein großer Teil des Prozesswissens in Dienstleistungsunternehmen ist sogenanntes implizites Wissen: Erfahrungswerte, die nie in Worte gefasst wurden. Die Unterscheidung zwischen implizitem und explizitem Wissen sowie deren Übertragung wird in der Wissensmanagement-Literatur ausführlich beschrieben (Nonaka & Takeuchi, 1995).
Keine klare Verantwortlichkeit
Wissensmanagement wird häufig niemandem konkret zugeordnet. Ohne Verantwortlichkeit passiert es nicht systematisch, sondern zufällig.
Fehlende Standardisierung wiederkehrender Abläufe
Wo Prozesse nicht standardisiert sind, unterscheidet sich die Vorgehensweise von Person zu Person. Das macht es zusätzlich schwer, Wissen überhaupt in eine übertragbare Form zu bringen.
Lösungsansätze: Wissen unabhängig von einzelnen Personen sichern
1. Kritische Prozesse identifizieren
Nicht jeder Ablauf muss dokumentiert werden. Sinnvoll ist es, zuerst die Prozesse zu identifizieren, die stark von einzelnen Personen abhängen – etwa weil nur eine Person sie vollständig beherrscht.
2. Abläufe als Standard Operating Procedures festhalten
Wiederkehrende Abläufe werden in kurzen, verständlichen Standardarbeitsanweisungen dokumentiert. Diese müssen nicht umfangreich sein, um wirksam zu sein.
3. Implizites Wissen aktiv explizit machen
Checklisten, Entscheidungsregeln und kommentierte Vorlagen helfen dabei, Erfahrungswissen in eine Form zu bringen, die auch andere nutzen können.
4. Vertretungsregelungen festlegen
Für zentrale Rollen sollte klar sein, wer im Vertretungsfall welche Aufgaben übernimmt und wo die notwendigen Informationen zu finden sind.
5. Wissenstransfer vor dem Ausscheiden aktiv einplanen
Kündigungsfristen oder der bekannte Zeitpunkt eines Renteneintritts lassen sich gezielt für eine strukturierte Übergabe nutzen, statt sie ungenutzt verstreichen zu lassen.
6. Dokumentation regelmäßig aktualisieren
Eine einmalig erstellte Dokumentation veraltet. Sie sollte in wiederkehrenden Abständen überprüft und angepasst werden.
Praxisbeispiel: Ein typischer Fall aus einem Ingenieurbüro
Das folgende Beispiel ist anonymisiert und beschreibt eine typische Situation, wie sie in kleinen Ingenieur- und Planungsbüros vorkommt.
Ein Ingenieurbüro mit zwölf Mitarbeitenden betreute einen langjährigen Großkunden über einen einzelnen, sehr erfahrenen Projektleiter. Sämtliche Sonderregelungen, bevorzugten Ansprechpartner und branchenspezifischen Besonderheiten dieses Kunden kannte ausschließlich er.
Nach seinem Renteneintritt benötigte der Nachfolger mehrere Monate, um sich dieses Wissen durch Rückfragen beim Kunden und bei ehemaligen Kollegen erneut zu erschließen. In dieser Zeit kam es zu Verzögerungen und wiederholten Rückfragen, die beim Kunden Unsicherheit auslösten.
Erst eine nachträgliche Dokumentation der wichtigsten Kundenspezifika und Standardabläufe schuf die Grundlage dafür, dass ein künftiger Wechsel deutlich reibungsloser verlaufen kann.
Die Erkenntnis daraus: Wissen, das nur in einer Person steckt, ist ein Risiko für das gesamte Unternehmen – unabhängig davon, wie zuverlässig diese Person ist.
Fazit
Der Fachkräftemangel macht es schwieriger, ausscheidende Mitarbeitende schnell zu ersetzen (DIHK, 2025). Für kleine B2B-Dienstleister verschärft das ein zusätzliches Risiko: den Verlust von Prozesswissen, das nie dokumentiert wurde.
Wer kritische Abläufe frühzeitig identifiziert, dokumentiert und regelmäßig aktualisiert, macht sein Unternehmen unabhängiger von einzelnen Personen – und reduziert das Risiko von Verzögerungen, wenn eine Fachkraft das Unternehmen verlässt.
Häufige Fragen (FAQ)
Welche Prozesse sollten zuerst dokumentiert werden?
Sinnvoll ist es, mit den Abläufen zu beginnen, die nur eine einzelne Person vollständig beherrscht und die für den Geschäftsbetrieb wichtig sind.
Wie umfangreich muss eine Prozessdokumentation sein?
Sie muss nicht umfangreich sein. Eine kurze, verständliche Checkliste ist oft wirksamer als ein langes Dokument, das niemand liest oder aktuell hält.
Was ist der Unterschied zwischen implizitem und explizitem Wissen?
Implizites Wissen ist Erfahrungswissen, das nicht schriftlich festgehalten ist. Explizites Wissen ist dokumentiert und damit unabhängig von einzelnen Personen verfügbar (Nonaka & Takeuchi, 1995).
Lohnt sich Wissensmanagement auch für sehr kleine Büros?
Ja. Gerade in kleinen Teams ist die Abhängigkeit von einzelnen Personen besonders hoch, da es oft keine Vertretung mit vergleichbarem Wissen gibt.
Lassen Sie uns gemeinsam prüfen, wie abhängig Ihr Unternehmen von einzelnen Personen ist
Sie möchten wissen, welches Wissen in Ihrem Unternehmen besonders personengebunden ist? Wir unterstützen Sie gerne bei der Analyse und Dokumentation.
Quellenverzeichnis
- DIHK – Deutscher Industrie- und Handelskammertag e. V. (2025): Fachkräftereport 2025/2026. Veröffentlicht am 19.12.2025. Berlin: DIHK.
- Nonaka, Ikujiro; Takeuchi, Hirotaka (1995): The Knowledge-Creating Company: How Japanese Companies Create the Dynamics of Innovation. New York: Oxford University Press.
- DIN EN ISO 9001:2015: Qualitätsmanagementsysteme – Anforderungen, Abschnitt 7.1.6 „Wissen der Organisation“. Berlin: Beuth Verlag.



