Die Monatsendspitze macht nicht der Kunde, sondern der Vertrieb

Die Monatsendspitze macht nicht der Kunde, sondern der Vertrieb

Einleitung

In vielen Getränkebetrieben folgt der Monat einem festen Muster. Die erste Hälfte ist ruhig. In der zweiten steigt der Auftragseingang. In der letzten Woche wird es hektisch: Sonderschicht, Überstunden, Umplanung, angespannte Logistik.

Am ersten Tag des neuen Monats beginnt derselbe Zyklus.

Dieses Muster wird meist als Marktverhalten erklärt. Der Handel disponiere so, die Gastronomie ordere kurzfristig, die Saison sei eben schwankend.

Ein Teil davon stimmt. Getränke sind ein saisonales Geschäft mit wetterabhängiger Nachfrage – das ist eine reale Schwankung, die niemand abschaffen kann.

Der andere Teil ist selbst erzeugt.

Und dieser Teil ist regelmäßig größer als angenommen. Denn Monats- und Quartalsziele, Aktionszeiträume, Staffelrabatte und Bonusgrenzen verschieben nicht die Nachfrage – sie verschieben nur den Zeitpunkt der Bestellung.

Für die Produktion ist das derselbe Effekt wie eine echte Nachfragespitze. Bezahlt wird sie mit Sonderschichten, Rüstaufwand, Beständen und Überstunden.

Das Problem: Die Schwankung wird verstärkt, nicht gedämpft

Der Effekt ist in der Wissenschaft gut beschrieben. Lee, Padmanabhan und Whang haben 1997 in Management Science gezeigt, dass Nachfrageschwankungen entlang der Lieferkette zunehmen – und dass die Ursachen dafür überwiegend in den Anreizen und Bestellregeln der Beteiligten liegen, nicht im Endkundenverhalten.

Als Treiber benennen sie unter anderem Preisschwankungen und Aktionsgeschäft, Bestellbündelung und die Verarbeitung von Nachfragesignalen. Alle drei sind im Getränkegeschäft strukturell vorhanden.

Für einen mittelständischen Hersteller sieht das konkret so aus:

  • Ein Handelspartner nutzt eine Aktionskondition und ordert eine Menge, die er über Monate abverkauft.
  • Der Vertrieb erreicht damit sein Monatsziel – im Folgemonat fehlt die Menge.
  • Die Produktion fährt eine Sonderschicht und danach Leerlauf.
  • Die Bestände beim Kunden verzerren das nächste Nachfragesignal.
  • Im Folgemonat wird die niedrige Bestellung als Nachfrageschwäche interpretiert.
  • Es folgt eine weitere Aktion.

Auffällig ist dabei: Kaum ein Betrieb hat seinen Auftragseingang je nach Kalendertag ausgewertet. Diese Auswertung dauert eine Stunde – und sie beantwortet die Frage, ob die Spitze vom Markt kommt oder aus dem eigenen Haus.

Ursachen: Warum die Spitze selbst erzeugt wird

Ziele sind auf Monat oder Quartal bezogen

Ein Ziel mit Stichtag erzeugt ein Verhalten mit Stichtag. Das ist keine Frage der Disziplin, sondern der Anreizstruktur.

Aktionskonditionen haben feste Zeitfenster

Ein begrenztes Zeitfenster erzeugt eine Bestellspitze im Fenster und eine Lücke danach. Der Abverkauf beim Kunden verändert sich dadurch nicht.

Staffelrabatte belohnen große Einzelbestellungen

Wer für eine größere Menge einen besseren Preis erhält, bestellt größer und seltener. Für die Produktion bedeutet das höhere Losgrößen und stärkere Schwankung.

Die Produktion sieht die Aktion zu spät

Wenn Aktionszeiträume nicht mit der Planung abgestimmt sind, erfährt die Produktion aus dem Auftragseingang davon – dann ist Reaktion nur noch über Sonderschichten möglich.

Rüstaufwand macht kleine Lose unattraktiv

Bei hohem Rüstaufwand je Sorte oder Gebinde ist die Produktion selbst an großen Losen interessiert. Damit verstärkt sie die Schwankung, statt sie zu dämpfen.

Es gibt keine gemeinsame Planung

Wenn Vertrieb, Produktion und Logistik nicht in einem festen Rhythmus auf dieselbe Absatzvorschau schauen, plant jeder Bereich für sich.

Echte und selbst erzeugte Schwankung werden nicht getrennt

Ohne diese Trennung erscheint jede Spitze als Marktbedingung – und ist damit nicht verhandelbar.

Lösungsansätze: Trennen, glätten, gemeinsam planen

1. Auftragseingang nach Kalendertag auswerten

Zwölf Monate, Auftragseingang je Tag oder Woche. Wenn sich die Menge systematisch am Monats- oder Quartalsende häuft, ist die Ursache intern. Ein Wettereffekt verteilt sich anders als ein Stichtagseffekt.

2. Aktions- und Nicht-Aktionsmengen trennen

Für die wichtigsten Kunden und Sorten wird die Menge in Grundgeschäft und Aktionsgeschäft aufgeteilt. Erst diese Trennung zeigt, welcher Anteil des Auftragseingangs Zeitpunktverschiebung ist.

3. Wenn möglich Abverkaufsdaten einbeziehen

Wo Handelspartner Abverkaufsdaten bereitstellen, lässt sich die tatsächliche Endkundennachfrage vom Bestellverhalten unterscheiden. Das ist die wirksamste Maßnahme gegen die Verstärkung von Signalen – und häufig eine Frage der Verhandlung, nicht der Technik.

4. Anreize entzerren

Möglichkeiten sind rollierende Ziele über mehrere Monate statt Stichtagsziele, Bewertung des Abverkaufs statt der Bestellmenge und über das Jahr verteilte Aktionszeiträume statt Häufung zum Quartalsende.

Das ist eine Entscheidung der Geschäftsführung, keine der Produktion.

5. Aktionsplanung mit der Produktion abstimmen

Aktionszeiträume und erwartete Mengen gehen mit definierter Vorlaufzeit in die Planung. Diese Vorlaufzeit ist verhandelbar – aber sie muss existieren.

6. Bestellungen glätten statt bündeln

Feste Liefertage je Kunde oder Region, kleinere und regelmäßigere Mengen. Für den Kunden bedeutet das geringere Lagerbindung – häufig ein Argument, das für ihn selbst spricht.

7. Rüstaufwand senken, um kleine Lose zu ermöglichen

Solange ein Sortenwechsel teuer ist, bleibt die Produktion an großen Losen interessiert. Die systematische Verkürzung der Umstellzeiten ist damit die technische Voraussetzung für Nivellierung – nicht ihre Folge.

8. Eine feste Planungsroutine einführen

Ein monatlicher Termin mit Vertrieb, Produktion, Logistik und Einkauf: Absatzvorschau der nächsten drei Monate, geplante Aktionen, Kapazitäts- und Materialengpässe, Entscheidungen. Dies ist die schlanke Form der Absatz- und Produktionsplanung.

9. Saisonale Schwankung mit Beständen abdecken – bewusst

Echte Saisonalität lässt sich nicht glätten. Sie wird über Vorproduktion, Bestandsaufbau und Kapazitätsplanung abgedeckt. Der Unterschied zur heutigen Situation: Der Bestand wird geplant, nicht durch eine Sonderschicht erzwungen.

10. Die Kosten der Spitze sichtbar machen

Sonderschichtzuschläge, Überstunden, zusätzliche Rüstvorgänge, Leerlaufzeiten, Bestandsbindung, kurzfristige Frachtzuschläge. Diese Summe ist das Argument, das die Diskussion über Konditionen verändert.

11. Zwei Kennzahlen führen

  • Streuung des wöchentlichen Auftragseingangs im Verhältnis zum Mittelwert
  • Anteil der Produktionsstunden in Sonderschichten

12. Als Zyklus führen

Nivellierung ist keine einmalige Maßnahme. Sie ist eine Planungsroutine, die monatlich stattfindet – und genau deshalb ein Thema für den kontinuierlichen Verbesserungsprozess.

Praxisbeispiel: Ein typischer Fall aus der Getränkeherstellung

Das folgende Beispiel ist anonymisiert und beschreibt eine typische Ausgangslage.

Ein Getränkehersteller mit rund 110 Mitarbeitenden und zwei Abfülllinien hatte in der Saison regelmäßig Sonderschichten und Überstunden, außerhalb der Saison Leerlauf. Die Geschäftsführung prüfte eine dritte Linie, um die Spitzen abzudecken.

Zunächst wurde der Auftragseingang der letzten zwölf Monate nach Kalenderwoche und nach Kunde ausgewertet, getrennt nach Grund- und Aktionsgeschäft.

Das Ergebnis war deutlich. Neben der erwarteten saisonalen Kurve zeigte sich ein zweites, überlagertes Muster: eine systematische Häufung in den letzten Tagen jedes Monats und besonders zum Quartalsende.

Dieses Muster war nicht wetterabhängig. Es korrelierte mit den Zielperioden des Vertriebs und mit den Aktionszeiträumen.

Die Detailanalyse ergab zusätzlich, dass mehrere Handelspartner Aktionsmengen bestellten, die sie über Wochen abverkauften – die Endkundennachfrage war also gleichmäßiger als der Auftragseingang.

Der Hersteller änderte drei Dinge. Die Vertriebsziele wurden auf einen rollierenden Dreimonatszeitraum umgestellt. Aktionszeiträume wurden über das Jahr verteilt und mit einer Vorlaufzeit in die Produktionsplanung gegeben. Mit den fünf größten Handelspartnern wurden feste Liefertage und kleinere, regelmäßigere Mengen vereinbart.

Parallel wurde an den Umstellzeiten der Abfülllinien gearbeitet, um kleinere Lose wirtschaftlich zu machen. Ein monatlicher Planungstermin mit Vertrieb, Produktion, Logistik und Einkauf wurde eingerichtet.

Die Streuung des wöchentlichen Auftragseingangs sank deutlich, ebenso der Anteil der Sonderschichten. Die saisonale Schwankung blieb – sie wurde jetzt über geplanten Bestandsaufbau abgedeckt statt über Kurzfristmaßnahmen.

Die dritte Linie wurde zurückgestellt.

Die Erkenntnis daraus: Ein Teil der Spitze kam vom Wetter. Ein anderer Teil kam aus dem eigenen Zielsystem.

Fazit

Nachfragespitzen sind im Getränkegeschäft nicht vollständig vermeidbar. Ein Teil von ihnen ist Wetter und Saison.

Der andere Teil ist Anreizstruktur – und dieser Teil ist gestaltbar.

Die Unterscheidung ist mit einer Stunde Auswertung möglich: Auftragseingang je Kalendertag über zwölf Monate. Eine Häufung am Monats- und Quartalsende ist kein Marktverhalten.

Wichtig ist, wo die Maßnahme ansetzt. Die Produktion kann diese Spitze nicht abstellen – sie kann sie nur teuer abarbeiten. Die Entscheidung liegt bei der Geschäftsführung, weil sie das Zielsystem betrifft.

Die technische Voraussetzung dafür ist der Rüstaufwand: Solange ein Sortenwechsel teuer ist, bleibt die Produktion selbst an großen Losen interessiert.

Vor der Investition in zusätzliche Kapazität lohnt daher die Frage, welcher Anteil der Spitze selbst erzeugt ist. Kapazität für eine vermeidbare Spitze ist die teuerste Form der Glättung.

Häufige Fragen (FAQ)

Wie unterscheidet man echte von selbst erzeugter Schwankung?
Durch Auswertung des Auftragseingangs nach Kalendertag über zwölf Monate. Saisonale und wetterabhängige Effekte verteilen sich anders als Häufungen an Stichtagen.

Was ist der Bullwhip-Effekt?
Die Beobachtung, dass Nachfrageschwankungen entlang der Lieferkette zunehmen. Lee, Padmanabhan und Whang haben 1997 gezeigt, dass die Ursachen überwiegend in Anreizen, Preisaktionen und Bestellregeln liegen – nicht im Endkundenverhalten.

Was bedeutet Nivellierung konkret?
Die gleichmäßige Verteilung von Produktionsmengen über die Zeit, damit Kapazität, Personal und Material planbar bleiben. Voraussetzung sind vertretbare Umstellzeiten.

Kann die Produktion das Problem lösen?
Nur teilweise. Kürzere Rüstzeiten schaffen die Voraussetzung. Die Ursache liegt jedoch im Zielsystem und in den Konditionen – dort muss die Entscheidung fallen.

Verliert man mit weniger Aktionen Umsatz?
Das ist im Einzelfall zu prüfen. Entscheidend ist die Unterscheidung zwischen zusätzlicher Nachfrage und vorgezogener Nachfrage. Abverkaufsdaten der Handelspartner sind dafür die belastbarste Grundlage.

Was gehört in einen monatlichen Planungstermin?
Absatzvorschau der nächsten drei Monate, geplante Aktionen mit Mengen, Kapazitäts- und Materialengpässe, Entscheidungen mit Verantwortlichen. Feste Teilnehmer aus Vertrieb, Produktion, Logistik und Einkauf.

Lassen Sie uns gemeinsam prüfen, woher Ihre Spitzen kommen

Sie möchten wissen, welcher Anteil Ihrer Auftragsspitzen aus dem Markt kommt und welcher aus dem eigenen Zielsystem? Wir unterstützen Sie gerne bei der Auswertung Ihres Auftragseingangs und beim Aufbau einer schlanken Absatzplanung.

Quellenverzeichnis

  • Lee, Hau L.; Padmanabhan, V.; Whang, Seungjin (1997): Information Distortion in a Supply Chain: The Bullwhip Effect. In: Management Science, Vol. 43, Nr. 4, S. 546–558. DOI: 10.1287/mnsc.43.4.546
  • Ohno, Taiichi (1988): Toyota Production System: Beyond Large-Scale Production. Portland: Productivity Press. (Nivellierung und Vermeidung von Ungleichmäßigkeit)
  • Liker, Jeffrey K. (2004): The Toyota Way: 14 Management Principles from the World’s Greatest Manufacturer. New York: McGraw-Hill. (Nivellierung als Managementprinzip)
  • Hopp, Wallace J.; Spearman, Mark L. (2011): Factory Physics. 3. Auflage. New York: McGraw-Hill. (Wirkung von Variabilität auf Kapazität, Bestände und Durchlaufzeiten)
  • Shingo, Shigeo (1985): A Revolution in Manufacturing: The SMED System. Cambridge: Productivity Press. (Reduzierung von Umstellzeiten als Voraussetzung kleinerer Lose)
  • Wight, Oliver W. (1984): Manufacturing Resource Planning: MRP II. Unlocking America’s Productivity Potential. Essex Junction: Oliver Wight Limited Publications. (Grundlage der Absatz- und Produktionsplanung)

Hinweise: Der Beitrag beschreibt betriebliche Planungs- und Steuerungsprinzipien. Die Gestaltung von Konditionen, Rabattstaffeln und Aktionsvereinbarungen ist kartell- und vertragsrechtlich zu prüfen; der Beitrag enthält keine Rechtsberatung. Anpassungen von Zielsystemen und variabler Vergütung können arbeitsrechtlich und mitbestimmungsrechtlich relevant sein. Das Praxisbeispiel ist anonymisiert und beschreibt eine typische Ausgangslage.

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